Wie weiter nach Fukushima?

 

Während der Alptraum in Japan nicht enden will und noch gar nicht abzusehen ist, wie lange und wie intensiv die beschädigten Reaktoren in Fukushima jetzt vor sich hin strahlen werden, wird anderorts schon versucht einzuordnen, welche globalen Auswirkungen diese Katastrophe haben wird – mental, politisch und ökologisch. Hier einige der interessanteren Einwürfe der letzten Tage und meine eigenen Hoffnungen, dass wir aus diesem GAU die richtigen Schlüsse ziehen.

Florian Illies meint, das Unglück in Fukushima werde deshalb eine Zeitenwende einläuten, weil es starke Bilder produziert habe, die, ähnlich wie die des 11. September, erst die Macht hätten, unser Denken und Fühlen nachhaltig zu verändern. Wer dieses Blog schon länger verfolgt, kann sich denken, dass ich große Sympathie für eine solche These habe. Dennoch muss die Anmerkung erlaubt sein, dass z.B. das wochenlange sprudelnde Öl im Golf von Mexiko keinen Effekt auf den amerikanischen Energie-Diskurs hatte, obwohl es ebenfalls ein starkes Bild war:

Es ist die Bestätigung der kulturwissenschaftlichen These vom Iconic Turn (Gottfried Boehm), der unsere Gesellschaft erfasst hat. […] Jene Bilder, die uns bis jetzt aus Fukushima erreicht haben, werden genau deshalb nicht wirkungslos bleiben, weil sie nicht mehr von der menschlichen Festplatte gelöscht werden können. […] Der 12. März 2011 ist nicht deshalb das Ende des Atomzeitalters, weil die Menschheit vernünftig geworden ist. Sondern weil die Wirkmacht der Bilder im Kopf so stark ist, dass sie nicht mehr verdrängt werden können.

Während Amerikanerund Chinesen  zwar auch über die Sicherheit ihrer AKW diskutieren, aber nicht weiter beunruhigt scheinen (und daher der Spiegel-Titel vom Montag doch verfrüht erscheint), haben die Bilder aus Japan in Deutschland ein (energie-)politisches Erdbeben ausgelöst. Ob die Abschaltung der sieben ältesten Meiler nun wiederrum ein anderes Großproblem begünstig, nämlich den Klimanwandel, bleibt umstritten. Während des Breaktrough Institut von einem erheblichen Ansteig der CO2-Emissionen in Deutschland ausgeht, meint Brigitte Knopf, dass zu geringen Mehrkosten Atomausstieg und CO2-Ziele vereinbar seien:

Aber trägt die Kernenergie nicht wenigstens zum Klimaschutz bei? Dieser Frage sind mehrere europäische Modellierteams in einem Modellvergleich von anerkannten Ökonomie-Energiesystemmodellen nachgegangen und haben unter anderem untersucht, wie relevant die Kernenergie für den Erfolg von globalem Klimaschutz ist.

Das Ergebnis ist eindeutig: so kam bei allen drei Modellen heraus, dass ein 2°C Klimaschutz-Ziel sogar bei einem globalen Atomausstieg erreichbar ist, d.h. bei einem Szenario, bei dem es keinen Neubau von Atomkraftwerken gibt. Verglichen mit einem Szenario, bei dem ein starker Zubau von Atomkraftwerken erlaubt ist, erhöhen sich die Kosten dieses Klimaschutzszenarios dabei eher moderat (siehe Abb. 1).  Man könnte also zu geringen Mehrkosten global auf Atomstrom verzichten und trotzdem die Klimaschutzziele einhalten.

Dass es unabdingbar ist, Fukushima im Zusammenhang mit der gesamten Großwetterlage aus Risikotechnologie, Energieversorgung und Klimawandel zu sehen, meint auch Ulrich Beck, bekannt für seine Theorie der Risikogesellschaft. Er sieht sich darin völlig zu recht bestätigt und betont die Gleichzeitigkeit sich gegenseitig bedingender Risikofaktoren:

[D]ie großen Krisen schienen [seit Tschernobyl] weitgehend dem Drehbuch der „Risikogesellschaft“ zu folgen. Die herausragenden Beispiele sind der Tsunami in Indonesien, die Katrina-Überflutung von New Orleans, aber auch der Rinderwahnsinn, die Schweinegrippe; selbst die Finanzkrise von 2008 gehört dazu. Allen Krisen war gemeinsam, dass sie vorher als kaum vorstellbar galten. Jedes Mal war darum der bisherige institutionelle und kognitive Erwartungsrahmen überholt. Das Makabre der jetzigen Katastrophe ist, dass sie sich in einem grusligen Wettbewerb der Großrisiken ereignet. Viele glaubten ja, dass sich das Risiko des Klimawandels durch vermehrten Einsatz von umweltfreundlicher Kernenergie ersetzen lässt. […]

Der Risikobegriff besagt, dass wir vergangene Erfahrungen zur Grundlage und damit zum Erwartungshorizont künftiger Katastrophen machen. Gerade diese Annahme wird aber in Frage gestellt, weil wir inzwischen wissen, dass uns Katastrophen drohen, die wir noch nicht erfahren haben und die wir vor allem auf keinen Fall erfahren dürfen.

Ezra Klein vergleicht Fukushima mit dem sich abzeichnenden Klimawandel und dessen Folgen. Während die Havarie der Atomanalage jedoch nicht vorherzusehen gewesen sei, ist der Klimawandel schon jetzt mit großer Sicherheit vorherzusagen und damit eine gänzlich andere Kategorie von Katastrophe:

There are disasters we can’t see coming, and then there are disasters we refuse to see coming. That an earthquake (and tsunami) of biblical proportions would crack open nuclear power plants along the coast of Japan is the sort of catastrophe that’s very difficult to predict. On the other hand, the consequences of a large increase in the volume of greenhouse gases in the atmosphere are not hard to predict.

Global warming [.] is oddly fair: it is a consequence of actions we know that we’re taking, we have been warned of it long in advance and, if are willing to cooperate among nations and marshal our resources and make some hard decisions, we have the tools at our disposal to mount a credible response. But it looks like we will refuse. Which actually is unfair, as those who will pay for our inaction will not be those who made the decision not to act. They’ll be our descendants, and disproportionately the residents of poorer nations that never emitted many greenhouse gases to begin with. For them, the question will be long-since settled. But it will also be much too late.

Auch Robert Misik weist darauf hin, dass die externen Kosten unseres Energiehungers nicht mehr wirklich mit dem Begriff Risko zu fassen seien, denn „die Katastrophen finden statt“. Daher sei es jetzt Zeit für einen Ausbruch aus den gleich schlechten Alternativen Öl, Kernkraft und Kohle. Dies aber, so Misik, werde nicht ganz leicht und erfordere politisches Handeln und damit eine Abkehr von der Problemlösungskompetenz des Marktes:

Klar, wir wissen alle, wir können nicht von heute auf morgen aus Öl, Gas, Kohle und Kernenergie aussteigen. Zwar gibt es Berechnungen des Umweltministeriums, wonach in Deutschland bereits im Jahr 2020 78,3 Prozent des Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden könnten – durch Windkraft, Wasserkraft, Solarenergie etc. Aber, erstens, deckt das, im positivsten Fall, nur die Energie, die aus der Steckdose kommt. Mit der Energie für unsere Mobilität ist das schon schwieriger. Zweitens sind das deutsche Berechnungen, für die USA, China, Brasilien, Russland sieht die Sache schon erheblich anders aus. Und drittens wird auch das nicht von selbst geschehen. Es braucht dafür einen Plan und entschiedenes Handeln. Energie gewissermaßen, aber diesmal nicht in Form technologischer Energieträger, sondern in Form von gesellschaftlicher Energie, energetische Akteure und, ja, nicht zuletzt Politiker, die dieses Ziel mit Kraft angehen.

Dafür braucht es: Effiziente Stromnetze, ganz neue Leitungen, Windparks mit vielen hunderttausend Windrädern, Wasserkraftwerke, Speicherkraftwerke, intelligente Tools zum Stromsparen in jedem Haushalt, Solarkraftwerke von vielen hunderten Quadratkilometern, womöglich in der Wüste, und damit ein integriertes Stromnetz, das von der Sahara bis nahe des Polarkreises reicht – denn Sonnenenergie gewinnt man am besten in Afrika, Speicherkraftwerke lassen sich dagegen am besten an der norwegischen Steilküste errichten. All das wird nicht „der Markt“ erledigen, weder geniale Tüflter in irgendwelchen Start-Ups, noch die großen Energiemultis. Dafür braucht es den konzentrierten Willen ganzer Gesellschaften.

Ob Europa diesen Willen hat? Wenn nicht jetzt, wann dann? Zumindest in Deutschland ist die Chance rot-grüner Bündnisse gestiegen und damit auch die Chancen auf eine schnellere Energiewende. SPD und Grüne sollten sich ehrgeizige Ziele setzen und den Wählern vorher (!) sagen, dass es nicht leicht wird, dass es teuer wird, dass es eine Aufgabe für viele Jahre wird. Aber auch, dass es bei weitem kein unmögliches und ja sogar ein hoffnungsvoll stimmendes Ziel ist, sich von Atomkraft, Öl und Kohle zu befreien.

Edit: Der Spiegel hat eine ganz gute Übersicht, wie der Ausstieg funktionieren könnte und wie hoch die Kosten wären.

(Bild: donkeyhotey nach The great wave off shore of Kanagawa by Hokusai Katsushika)

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