"Natur, die keine ist" – Kathrin Brunnhofers Zoo-Fotografien lassen uns Naturbilder neu sehen

Interessiert man sich, wie dieses Blog, für den Einfluss der Medien auf unser Verständnis von Umwelt und Natur, so liegt es nahe, sich etwa mit der Berichterstattung über den Klimawandel oder die Umweltpolitik zu beschäftigen. Doch spricht einiges dafür, dass gerade in den alltäglichen Naturbildern in Medien und Werbung dieses Verständnis sehr viel subtiler und gleichzeitig wirksamer geprägt wird. Nicht in der relativ offenen und transparenten inhaltlichen Auseinandersetzung mit Umweltfragen schlummert das eigentlich Ideologische, sondern in den Konnotationen von Formen und Ästhetik. Nur selten lässt sich diese Vermutung jedoch nachvollziehbar darstellen, eben weil sich der Mechanismus so unbewusst entfaltet. Um so höher sind Kathrin Brunnhofers tolle Fotos aus dem Zoo in der Bronx einzuschätzen, weisen sie uns doch auf eben diesen ‘blinden Fleck’, diese Lücke in der Wahrnehmung hin. Brunnhofer, so teilt uns der Ausstellungskatalog (pdf) mit, hat Bilder geschaffen “aus der Natur, die keine ist”:

“Die  Vögel, die wirklich sind, scheinen ihre Umgebung friedlich anzusehen, und erst beim zweiten oder dritten Blick merkt der Betrachter, dass ihm dieses besondere Szenarium eine heile farbige Welt vorgaukelt: Freiheit, Schönheit und Natur. In einer derart dicht besiedelten und zum Teil heruntergekommenen Gegend sah die Fotografin die wunderschöne Lichtstimmung, die Malereien auf den Rückwänden und eine Dreidimensionalität, die genau die Weite suggeriert, die das Tier braucht. Schön und traurig zugleich – Kabel, Schalter oder Schilder werden im Sucher abgeschnitten.”

Und tatsächlich ist eine gewisse Melancholie, die zunächst den Reiz der Bilder ausmacht. Doch sie teilen uns auch etwas mit über die Künstlichkeit des Natürlichen und unser Verhältnis zur Natur in der Mediengesellschaft. Sie funktionieren auf einer oberflächlichen Ebene als Naturbilder, wie wir sie in Werbungen und Zeitschriften so häufig zu sehen bekommen und sind gleichzeitig so viel reicher an Bedeutung. Mit dieser Reichhaltigkeit aber markieren die eine Differenz zur oft hohlen Bildsprache der Wildnis, der ‘Natur’ und des ‘Natürlichen’, die, ohne das wir es gemerkt hätten, längst zur visuellen Rhetorik eines anscheinend alternativlosen ‘grünen Kapitalismus’ geworden sind.

Wir bekommen Natur oft als lieblich oder spektakulär präsentiert, insgesamt harmlos, gefällig und frei von jedem Kontext. Natur als distanzierte Pracht, darauf wartend betrachtet zu werden und ein Produkt mit Naturerfahrung und Authentizität zu assoziieren oder als Illustration eines Berichts über Tourismus oder Umwelt zu dienen. Und, so meine Vermutung, würde man die Bildsprache zufälliger Urlaubsfotos von Landschaften auf Flickr untersuchen, man fände eine ganz ähnliche Ästhetik. Ich hatte bereits in einem früheren Artikel auf Anders Hansens Untersuchung des Getty-Bildkatalogs zu den Stichworten Nachhaltigkeit und Umwelt hingewiesen, der ein reichhaltiges Angebot an universell einsetzbaren Naturbildern aufweist. Noch etwas präziser haben Robert Goldman und Stephen Papson in ihrem Klassiker der semiotischen Werbekritk, Sign Wars, formuliert, wie formbar und universell nutzbar diese Bilder sind:

„In the society of the spectacle, nature is conceptually carved into discrete scenes. […] Decontextualized images take on such importance in the spectacle that they eclipse the places that they refer to. This gives rise to generic images of nature: floating signifiers that can be bent to the political interest of those who sponsor and narrate these spectacular moments. Spectacularized images of nature become dislocated and placeless. The beautiful picture of a mountan-range becomes just that, a beautiful picture of a mountan-range in search of a meaningful association.“ (S. 211)

Die Bedeutungsleere dieser Bilder aber ist unsichtbar. Wir haben es gelernt, Natur präsentiert zu bekommen, die dem Auge schmeichelt und universell anknüpfen kann an Sehnsüchte nach echter Natur, die längst verschwunden ist, erst recht aus unserem Großstadtleben. Aber warum erscheinen uns diese Bilder als so selbstverständlich? Wie  verstecken sie ihre Leere so gut, warum akzeptieren wir sie unhinterfragt?

Fotografie wurde als Medium schon immer irrtümlicherweise als „realistisch“ und als „Abbildung von Wirklichkeit“ betrachtet, obwohl sie durch Ausschnitt, Motivwahl, Fokus, Blickwinkel usw. nur graduell weniger konstruiert sind als andere Medien. Was wir sehen, muss wahr sein. Wichtiger scheint mir hier aber die Polysemie des Begriffs Natur selbst zu sein. Dieser verweist nicht nur auf die physische Natur als Gesamtheit des nicht Menschengemachten, sondern beinhaltet immer auch eine Wertung, nämlich des Natürlichen, also Selbstverständlichen, des immer schon so Gewesenen, des Guten, des Richtigen. Diese Wertung, so meine Vermutung, überträgt sich auf unsere Wahrnehmung von Abbildungen von Natur lässt uns zu willfährigen Konsumenten dieser Art von Ecoporn werden.

Kathrin Brunnhofers Fotos aus dem Zoo in der Bronx weisen genau auf diese Unhinterfragtheit des Blicks hin, indem sie erst bei genauerem Hinsehen enthüllen, wie artifiziell ihr Motiv ist. Das natürliche Antlitz der künstlichen Zoo-Situation macht in einem Umkehrschluss auf die Künstlichkeit der Abbildung von scheinbar Natürlichem aufmerksam. Erst diese Dialektik weist auf die Eindimensionalität vieler Naturfotografien hin, auf ihren Mangel an Selbstreflexion.

Doch funktionieren die Bilder nicht nur auf dieser Wahrnehmungsebene, sondern auch inhaltlich: Brunnhofer lädt den Betrachter dazu ein, sich mit den Tieren des Zoos zu identifizieren. So verdoppelt sie den Verweis auf die Fassadenhaftigkeit der Werbe-Bilder von unberührter Wildnis. Ähnlich wie die Insassen des Zoos haben wir längst das Leben mit und in der Natur aufgegeben, doch wird uns medial immer wieder versichert, dass es sie noch gibt, irgendwo da draußen, schön und rein und echt.

Kathrin Brunnhofer, Jahrgang 1980, hat Soziologie in Hamburg studiert und arbeitet als freie Fotografin und Lehrbeauftragte an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation im Bereich Medientechnik/Fotografie. Die abgebildeten Fotos entstammen dem Projekt “Bronx Zoo”, das 2009 in der Bielefelder Gallerie Gruppe 10 ausgestellt wurde. Sie sind unter anderem auch in Brand eins und bei ZEIT online erschienen und werden hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin abgebildet.

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7 Gedanken zu „"Natur, die keine ist" – Kathrin Brunnhofers Zoo-Fotografien lassen uns Naturbilder neu sehen

  1. danke für deinen artikel 🙂 Da passt natürlich auch gut der imaginative Konsum von ökologischen Produkten – es sind ja genau solche Formen von Bildern, die man in Gedanken konsumiert, wenn man coole Öko-Produkte kauft oder für eine Sache spendet. Diese Bilder laufen ja – inspiriert von Medien und vor allem Werbung – in unseren Köpfen ab, wenn wir uns für Sachen entscheiden. Und dienen damit als Entscheidungshilfe – ich imaginiere die fantastisch Natur und kann mir die letzten Paradise vorstellen – und aus diesem Grund bin ich auch bereit für Affen zu spenden oder sonst was. Ich glaube deshalb, dass dieser Ecoporn ganz wichtig ist für einen nachhaltigen Umgang mit unserem Planeten. Wenn die Natur nur der „lebensfeindliche“ Ort wäre, der sich nicht beherrschen lässt, dann würde es logischerweise immer weiter gehen mit der Zerstörung, weil man sowas nicht erhalten will.

  2. Ich seh es eher andersrum: Ecoporn teilt uns unterschwellig mit, dass eigentlich alles noch ganz ok ist wir ja diese letzten Paradiese bequem touristisch erreichen könnten, wenn wir wollten. Ich habe aber glaube ich insgesamt auch ein etwas kritischeres Verhältnis zu Öko-Produkten als Du, bzw. nicht zu den Öko-Produkten selber sondern zu der gesamten kommunikativen Nachhaltigkeits-Strategie der Wirtschaft, die uns insgesamt mitteilt, dass eigentlich alles so weiterlaufen kann, wenn nur die Produkte jetzt immer schön öko sind. Was natürlich quatsch ist. Im Grunde glaube ich, dass es grundsätzlich ein Fehler ist, dem Markt (und damit auch den Konsumenten) so viel Verantwortung aufzubürden. Die Politik müsste da mehr machen (strengere Standards bei der Lebensmittelproduktion, höhere Besteuerung von Flügen usw), gerade weil viele Konsumenten sowohl moralisch als auch was die Möglichkeit angeht, Informationen über Produkte einzuholen insgesamt überfordert werden. Nicht jeder beschäftigt sich mit dem Thema so intensiv wie wir, nicht jeder hat da die Zeit oder Kapazität zu.

  3. Ich müsste eigentlich längst wieder an meiner Arbeit sitzen, aber hier nochmal einen Hinsweis auf ein tolles Paper, das meine Ansicht gut vertritt, dass nämlich eine Einengung der Umweltprobleme auf eine individualistische Konsumperspektive eher schadet als nützt. Wenn ich Euren Blog so anschaue, glaube ich aber, dass wir da eigentlich nicht so weit auseinander liegen.

    Michael F. Maniates :Individualization: Plant a Tree, Buy a Bike, Save the World?
    http://spider.allegheny.edu/employee/m/mmaniate/savetheworld.pdf

    Mal noch was anderes, mich würde interessieren, wie Dir (und den anderen Lesern) die Bilder von Kathrin Brunnhofer gefallen und ob meine Gedanken dazu irgendwie nachvollziehbar sind 🙂

  4. hey jan …

    diesesmal hatte ich den Haken bei der Benachrichtigung unten vergessen ;p

    Glaube mir, dass ich diese ganzen „Nachhaltig-Strategien“ auch sehr kritisch beäuge. Meine Prognose ist doch bei einem solchen Trend, dass Nachhaltigkeit zukünftig ein Hygiene-Faktor wird. Das muss dann einfach dabei sein – heute sind wir noch in der Phase, wo sich auf Markenebende über Bio, Öko, Fair-Trade, E- und Nachhaltigkeit noch gesondert positioniert werden kann. In der Zukunft wird die Differenzierung darin sehr viel größer werden, so dass das eigentliche Öko-Produkt nur am Rande Öko ist und vor allem „irgendetwas“ anderes besonderes bietet – eben standardisiert und für die Masse tauglich. Das verstehen auch nicht so wirklich die ganzen Werbe-Agenturen, hab ich das Gefühl.

    Aber so lange es sich noch so entwickelt, ist es doch eigentlich unterm Strich positiv. Eine wirtschaftliche Verankerung im Mainstream kann meiner Ansicht einen großen Beitrag leisten, auch wenn es viel Spinnerei, Green-Washing und Idealverkauferei ist. — Das ist nicht super, sondern mittelmäßig, aber immer noch besser als gar nichts. Tja ist leider so. Masse heißt nicht Qualität. Aber bei der Elite ist die Gefahr des Missbrauchs höher als bei der Masse – Demokratie und Markt sind aber aus heutiger Sicht eben doch noch besser als Diktatur und Plan.

    Du schreibst eine Abschlussarbeit zum Blog-Thema … wann biste fertig? Wäre neugierig darauf …

    • Ja, ich schreibe über Umwelt- und Naturmotive in Werbungen. Dauert aber noch ein bisschen. Erstmal zuendeschreiben und abgeben, Bewertung usw. abwarten, dann vielleicht noch überarbeiten. Danach werd ich sie definitiv for free hier zur Verfügung stellen.

  5. und übrigens heißt das nicht, dass man das nicht kritisieren kann. natürlich und dafür steht ja auch die guerilla … mittelmäßig-schlecht ist eben nicht gut genut ;p

  6. Und zu deinem Beitrag: Der Einstieg ist etwas stolprig, und dann bringste anregende und coole Gedankengänge 🙂 Ich sach ma so, Ecoporn hab ich so als neuen Begriff für mich gut fassen können. Da bleibt das Bild hängen. Mein Favorit von Kathrin Brunner ist das Motiv 14 mit den Vögeln und der Weite. Das bringt echt diese künstliche natürliche Weite so gut rüber 🙂

    Ich glaube das Fotografie grade hier in Deutschland so eine Wahrnehmung hat, wie du sie beschreibst … das sieht z.B. in den USA ganz anders aus – da wurde schon sehr früh Fotografie in der Kunst angesiedelt. Daher ist Realitätsabbildung eher auf dem Schnappschnuss-Niveau anzusiedeln – natürlich sehen das wohl ein Großteil der Deutschen so 🙂

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