WikiLeaks und ClimateGate: Warum zielloses Leaken kein Wert an sich ist

Alle reden jetzt über WikiLeaks. Die Blogosphäre ist aus dem Häuschen und sieht schon ein neues Zeitalter der Transparenz anbrechen, in dem Informationen demokratisiert sind und besser informierte Bürger bessere Entscheidungen treffen können. Assange und seine Mission dienen als ideale Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste, wie unsere digitale Zukunft aussehen könnte. Ich sitze mit meiner Meinung zu „Cablegate“ ein wenig zwischen den Stühlen. Einerseits stimme ich zu, dass Wikileaks als journalistische Organisation begriffen werden sollte und die USA ihrem Ansehen als demokratischen System schaden würde, sollten sie Assange tatsächlich strafrechtlich verfolgen. Andererseits bin ich nicht sicher, ob Wikileaks mit ihrer Strategie, Riesenmengen Daten ausschließlich aus US-Regierungsbehörden zu veröffentlichen, den richtigen Weg einschlägt.

„Wikileaks ist die Wiederbelebung des anachronistisch gewordenen Glaubens an die Verschwörung als eigentlicher Triebkraft der Politik“, so Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung. Und tatsächlich scheint bei den Botschaftsdepeschen der Akt des Leakens an sich so spektakulär gewesen zu sein, dass er die Annahme geradezu herausfordert, es sei etwas absichtlich verborgen worden vor den Wählern und dem Publikum und zwar zu deren Schaden. „Alles Geheime ist gefährlich und alles Wissen aufklärerisch: So lautete die Moral des Internetzeitalters“ (Evilyn Finger). Die Frage steht für mich im Raum, ob nicht die Veröffentlichungen solcher Interna, die pathetisch als Bloßstellung der „Wahrheit“ begriffen werden, eher einen neuen Mythos erschaffen können und gerade nicht zur Aufklärung beitragen.

Erinnern wir uns an ein anderes großes Leak der letzten Jahre, das unter dem Namen „Climategate“ folgenreiche und traurige Berühmtheit erlangte: Im November 2009 wurden tausende von internen E-Mails aus der Climate Research Unit der Universität East Anglia veröffentlicht. Einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus diesen Mails wurden von rechtsgerichteten Medien und Klimawandel-Leugnern in der Bloggosphäre so wiedergegeben, dass der Eindruck entstand, die Wissenschaftler hätten bewusst Forschungsergebnisse zurückgehalten, die den anthropogenen Klimawandel in Frage stellten. Diese ganze Geschichte entpuppte sich später natürlich als Ente (siehe auch Rahmsdorf), war aber nun in der Welt. Myths are created much faster than they can be debunked. Hunderte und tausende Blogs von Klimaskeptikern zeugen davon. Bezeichnenderweise führt eine Google-Suche nach „wikileaks climategate“ vor allem zu solchen Seiten, die eine politische Verschwörung hinter der Entscheidung der NewYork Times wittern, die Kabel des US-Außenministeriums zu veröffentlichen, nicht aber die E-Mails der Climate Research Unit.

Julian Assange hat die Veröffentlichung der CRU-E-Mails verteidigt, und zwar mit dem Argument, es sei nicht seine Schuld, dass der Inhalt von Medien falsch wiedergegeben wurde. Damit hat er sicherlich recht. Der Vorfall zeigt jedoch die Diskrepanz zwischen der Ideologie der totalen Informationsfreiheit (und der damit verbundene Hoffnung auf Aufklärung) und der Art und Weise, wie sich solch ein Leak dann in der öffentlichen Meinung auswirkt. Der Glaube an den gut informierten Bürger ist wertvoll. Aber niemand soll unterschätzen, welche Macht Ideologien haben, wie weit sich Menschen verbiegen können, um ihr Weltbild aufrecht zu erhalten und wie schwer es ist, einen Bewusstseinswandel durch Fakten zu erreichen. Im Gegenteil: Die Symbolik des Leak-Vorgangs bei Climategate ließ jede noch so abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnis als nur veröffentlichte und damit also falsche und zu Verschwörungszwecken produzierte Kommunikation erscheinen, während die eigentliche Wahrheit in den geleakten E-Mails stecken musste, denn diese waren ja nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Climategate hat zu einem massiven Anstieg der Klimawandel-Leugnung geführt. Information = Wahrheit?

Dass diese Gleichung nicht immer aufgeht, hat auch mit unseren Mediensystem zu tun, das oft einmal eingeschliffene Narrativen immer wieder bedient. Im Internet schafft man es ja ohnehin leicht, nur solche Seiten zu besuchen, die die eigene Meinung immer wieder neu bestätigen. Und während in Deutschland die meisten Massenmedien halbwegs vernünftig über die Wissenschaft des Klimawandels berichten, wurde „Climategate“ etwa in den USA schamlos instrumentalisiert. Dies zeigte letzte Woche ein wirklich interessantes Leak. Es bestand aus nur einer einzigen E-Mail:

From: Sammon, Bill
To: 169 -SPECIAL REPORT; 036 -FOX.WHU; 054 -FNSunday; 030 -Root (FoxNews.Com); 050 -Senior Producers; 051 -Producers; 069 -Politics; 005 -Washington
Cc: Clemente, Michael; Stack, John; Wallace, Jay; Smith, Sean
Sent: Tue Dec 08 12:49:51 2009
Subject: Given the controversy over the veracity of climate change data…

…we should refrain from asserting that the planet has warmed (or cooled) in any given period without IMMEDIATELY pointing out that such theories are based upon data that critics have called into question. It is not our place as journalists to assert such notions as facts, especially as this debate intensifies.

Was war geschehen? Der Watchdog-Organisation MediaMatters wurde eine Mail zugespielt, in der der Washingtoner Büroleiter des rechten US-Nachrichtensenders Fox-News, Bill Sammon, allen Fox-Journalisten und Moderatoren nahelegte, die wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnis vom Klimawandel infrage zu stellen, einer Aufforderung, der diese scheinbar nachkamen. Wen wundert es da, wenn eine neue Studie der Universität Maryland zu dem Ergebnis kommt, dass Fox-Zuschauer nicht nur insgesamt am schlechtesten über Politik informiert sind, sondern auch überwiegend den Klimawandel in Frage stellen. Dieser ganze Verblendungszusammenhang ist natürlich einfacher zu konstruieren, wenn man auf die geleakten E-Mails aus Climategate verweisen kann, deren Inhalt zwar nicht weiter interessiert, um so mehr aber die Erzählung von der Verschwörung der Wissenschaftler.

In der Veröffentlichung dieser einen geleakten E-Mail aus dem Herzen von Fox-News, so meine These, steckt mehr Aufklärung als in allen Botschaftsdepeschen zusammen und erst recht mehr Aufklärung als in den ClimateGate-Mails. Die Informationsmenge ist klein, aber es zeigt die innerste Wahrheit über eine Medienorganisation, die eine Schlüsselrolle spielt im scheitern der USA, angemessen auf den Klimawandel zu reagieren. Dieses Leak schafft keine neuen Mythen. Sondern es stellt diejenigen bloß, die das demokratische Zusammenleben in den USA und damit mittelbar auch unsere Zukunft durch Propaganda und Missinformationen untergraben.

(Foto: Rantz)

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3 Gedanken zu „WikiLeaks und ClimateGate: Warum zielloses Leaken kein Wert an sich ist

  1. Es geht weiter, wieder verliert wikileaks eine Bankverbindung. Visa, Mastercard, Paypal und jetzt die Bank of America: Die Großbank reiht sich bei den Unternehmen ein, die Zahlungen an WikiLeaks sperren. Vielleicht liegt es daran, dass wikileaks als nächstes Ziel eine amerikanische Grossbank anvisierte. Auf der anderen Seite wird man an diesem Beispiel sehen, ob es auch auf Seiten der Banken monopolistische Strukturen gibt. Das wäre wirklich nicht gut.

  2. hallo jan …

    ich würde dir widersprechen und behaupten, dass Leaks (egal welches Ziel sie verfolgen) natürlich zu mehr Transparenz führen: Denn du hast doch jederzeit die Möglichkeit, bestimmte Behauptungen relativ einfach zu überprüfen und zu widerlegen. Die Informationen (sofern sie sauber geleakt und verifiziert sind) stehen dir persönlich zur Verfügung. Es ist keine Behauptung irgendeines Mediums, dass seine Quellen nicht preis gibt.

    Du hast allerdings Recht – auch wenn die Daten da sind, ist das kein Allheilmittel für ein vermeintliche Wahrheit. Es gibt immer das Bedürfnis nach möglichst einfachen Geschichten, Skandalen und Verschwörungstheorien, die an der Realität vorbei gehen. Daran wird auch Wikileaks nichts ändern! Schön wärs …

    Der feine Unterschied liegt nur darin, dass der interessierte Bürger, Journalist, Politiker etc. die (theoretische) Möglichkeit hat, sich unabhängig zu informieren.

    Ich finde deine ausführlichen Beiträge klasse und würde sie auch flattrn, wenn ich könnte ;p

    marcel

  3. Hey Marcel, flattern ist nicht nötig, freue mich über Leser und Feedback 😉

    Ich glaube es besteht unter den größten Fans von Wikileaks die Vorstellung einer prinzipiell großen Informationsverarbeitsungskapazität der Bevölkerung, wenn ich es mal so ausdrücken kann. Da wird ein bisschen von sich auf andere geschlossen. Aber nicht alle gehören zu einer Informations-Elite, die sich selbständig und kritisch im Internet zu politischen Themen ein Urteil bildet. Viele lesen halt nur Bild oder Verschwörungsseiten im Netz. Und durch diesen Medienfilter können zunächst wertfreie Informationen schnell zu Mythen werden (wie bei ClimateGate geschehen). Insofern würde ich mir wünschen, dass Wikileaks eine gewisse Ethik und Folgenabschätzung verinnerlicht.

    Aber insgesamt ist mir der Artikel vielleicht etwas zu kritisch geraten… ich freue mich auf jeden Fall schon drauf, wenn sie ihre Ankündigung wahrmachen und Mails und Daten von großen amerikanischen Banken veröffentlichen.

    http://www.rp-online.de/wirtschaft/news/Wikileaks-und-der-Sumpf-der-US-Geldhaeuser_aid_937478.html

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