Kleine Phänomenologie der 'Klimaskeptiker'

Er fühle sich wie in einer Zeitschleife, stöhnte 2007 der Podsdamer Klimaforscher Stefan Rahmsdorf und beschwerte sich in der FAZ bitter über den Klimawandeldiskurs. Dieser werde seit Jahren von denselben ‚Klimaskeptikern‚ mit austauschbaren Argumenten gezielt verzerrt. Punkt für Punkt widerlegt er diese und appeliert eindringlich an die Medien, beim Thema Klima auf redaktionelle Qualitätsstandards zu setzen. Doch wie weit trägt diese Strategie?

Scheinbar nicht besonders weit, denn auch im Jahr 2010 hat sich an der Diskussion nicht viel geändert. Ein paar geleakte E-Mails und ein Fehler im IPCC-Bericht reichten letztes Jahr aus, um die Zeitschleife erneut in Schwung zu bringen. Wenn ein sich immer weiter konsolidierender wissenschaftlicher Konsens und die besten Argumente gegen die ‚Klimaskeptiker‘ nicht weiterhelfen, sollte man die Debatte vielleicht besser auf einer anderen Ebenen führen.

Wenn die Thesen der ‚Klimaskeptiker‘ über die Jahre im Prinzip gleich schlecht und falsch geblieben sind, dann muss vermutet werden, dass ganz andere Motive hinter der Debatte stecken. Denn warum sollten die Skeptiker sich ohne triftigen Grund öffentlich wieder und wieder vorführen lassen? Bei Vertretern der Energiewirtschaft liegt das Vorgehen ja noch auf der Hand, es stecken strategische Wirtschaftsinteressen dahinter.

Aber damit ist ja nicht die Intensität und die Wut der vielen Diskutanen in Internetforen und in der Öffentlichkeit zu erklären. Der Versuch des Bloggermagazins Readers Edition, von ‚Klimaskeptikern‘ aus erster Hand zu erfahren, was sie antreibt, scheiterte an einem nicht für möglich zu haltenden Mangel an Selbstreflektion der Skeptiker. Sie wissen zum Teil selbst nicht so genau, warum sie eigentlich dagegen sind. Es lohnt sich also, statt hilflos mit wissenschaftlichen Fakten um sich zu werfen, die eigentlichen Antriebsmotive der ‚Klimaskeptiker‘ zu ergründen und zu adressieren. Hier ein kleiner Kategorisierungsversuch inklusive möglicher Gegenstrategien:

  • Der verdeckte Lobbyist: Paradoxerweise sind diejenigen Klimaskeptiker am besten zu erkennen und zu verstehen, die sich die größte Mühe geben, ihre Motive zu verschleiern. Industrielobbyisten pflegen einen professionellen Auftritt und verbergen wirtschaftliche Intressen hinter wissenschaftlichen Scheinargumenten. Diese Form der Klimaskepiker wird man im Alltag in Deutschland selten treffen. Richtig gut in solcher Art Propaganda sind eh nur die Amerikaner. Etwa die Initiative Plants need CO2 des ‚Umweltschützers‘ Leighton Stewart (der Nebenbei ‚honorary director‘ beim American Petrolium Institute ist). ‚Plants need Co2‘ hat dann konsequenterweise auch schon längst ausgetretene Skeptikerpfade verlassen und behauptet, dass hohe CO2-Werte gut fürs Pflanzenwachstum sind und das vollständige Ergrünen des Planeten kurz bevor steht. Deutsche Skeptiker können sich da noch die eine oder andere Scheibe abschneiden von den Meistern des Astroturfing und des Spin. Beste Taktik: Aufdecken.
  • Der wirtschftlich Abhängige: Der kleine Bruder des Lobbyisten. Arbeitet in der Autoindustrie oder in der Energiewirtschaft und fürchtet um seine Branche und seinen Arbeitsplatz. Traut sich nicht, seine ja nicht mal illegitimen wirtschaftlichen Interessen zuzugeben und trägt stattdessen die firmeninternen Talkingpoints in die Öffentlichkeit. Sieht nicht, dass auch Elektrofahrzeuge und Sonnenkollektoren von irgendjemandem produziert werden müssen. Beste Taktik: Wirtschaftliche Argumente.
  • Der Troll: Entstammt eigentlich der nordischen Mytologie, bezeichnet aber seit einigen Jahren eine Person, die in Internetforen gerne mit abseitigen Ansichten provoziert. Dahinter steckt aber natürlich mehr als ein Internetphänomen, man kann durchaus von einer medienunabhängigen Geisteshaltung sprechen. Der Troll ist der Geist, der stets verneint und dem der wissenschaftliche und  gesellschaftliche Konsens über den Klimawandel einfach auch zu langweilig ist. Überhaupt diese ganze Political Correctness immer. Der Troll könnte sich genausogut auf einem Rave für klassische Musik einsetzen, das würde ihn auch befriedigen. Typische Vertreter: achgut-Autoren. Beste Taktik: Nicht füttern!
  • Der Verschwörungstheoretiker: Der Verschwörungstheoretiker meint, die wissenschaftliche Community erforsche den Klimawandel eigentlich nur, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Auch Al Gore und die Grünen profitieren vom Milliardenbusiness Klimahysterie. Alles erfunden also und auf dem Rücken der kleinen Leute, denn eigentlich geht es um die Errichtung einer Weltregierung. Der Verschwörungstheoretiker ist verwandt mit dem Troll, aber viel kreativer und absolut unempfindlich gegenüber der Realität. Hat in seinem Internet-Explorer hunderte Links zu Artikeln und Infografiken gespeichert, die ihm recht geben. Beste Taktik: Beim besten Willen nichts zu machen!
  • Der Libertäre: Der Libertäre möchte gerne einen möglichst kleinen Staat haben, der sich aus dem Leben der Bürger und aus der Wirtschaftswelt heraushält. Dummerweise hat der Libertäre gleich zwei ganz Dicke Probleme mit dem Klimawandel. Erstens passt eine Entwicklung, bei der individuelles Marktverhalten (Konsum) maßgeblich zu einer globalen Krise beiträgt, gar nicht in sein Weltbild. Der Klimawandel verlangt nach staatlichem Handeln, vielleicht sogar nach internationalen Abkommen? Kann nicht sein! Dann doch lieber die Realität anzweifeln als das eigene Weltbild anzupassen. Aber nicht nur, dass seine reine Ideologie bröckelt, der Libertäre muss natürlich auch in der Realität schon Verbrechen an der Menschheit und der Freiheit des Einzelnen ertragen wie etwa die Ökosteuer und diese hässlichen und hoch subventionierten Windräder. Ist schon alles nicht einfach. Beste Taktik: Libertarismus kritisieren.

(Bild: davesag)

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