Remote Stammtisch

Unter dem Titel „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ (hier der dazugehörige Blogeintrag) versucht sich Jörg Lau in der aktuellen ZEIT (Nr. 44/2009) an einer Analyse der Einträge in Internetforen zu Thilo Sarrazins Äußerungen über türkische Einwanderer in Deutschland. Er stellt dabei fest, dass überraschend viele User Sarrazin zustimmen und dass sich dort anscheinend „eine unterdrückte Wut“ Luft macht. Es handele sich dabei nicht um ein Phänomen des rechten Rands sondern  es offenbare sich eine Narrative, die gerade auch in der Mitte und auf der Linken gepflegt würde, nämlich, dass eine offene Meinungsäußerung zum Thema Einwanderung nicht möglich sei und dass die Äußerungen Sarrazins von großem Mut zeugten und eine unausgesprochene Wahrheit ausdrückten. Jörg Lau gelingt es im weiteren Artikel recht gut, diese Argumentation zu zerpflücken.

Das eigentlich interessante aber ist sein methodischer Zugang zu diesem Thema, nämlich der Diskursanalyse von Forenbeiträgen. Die Stimmung im Lande at your fingertips? Er versäumt es leider, die Methode mit ihren Stärken und Schwächen transparent zu machen. Denn eine unausgesprochene Annahme dieser Vorgehensweise besteht darin, Forenbeiträgen einen hohen Grad an Wahrhaftigkeit zu bescheinigen, während die Debatte über Zuwanderung ansonsten oftmals strategisch verstellt sei und viele Äußerungen durch den Mechanismus der sozialen Erwünschtheit  verfälscht würden.  Nur in der Anonymität des Internets kämen die wahren Ansichten und Einstellungen der Leute ans Tageslicht.

So plausibel diese Argumentation erscheinen mag, weist sie doch einige Schwächen auf. Denn eine intensivere Beschäftigung mit – gerade politischen – Foren würde doch in dieser Sichtweise schnell zu einer rapiden Degeneration des Menschenbilds führen: So viel Hass, so vielen Urteilen ohne Sachverstand und so vielen extremistische Äußerungen begegnet man anderswo selten. Beleidigungen, verbale Angriffe auf Personen, Off-Topic Müll und sonstiger Spam mal außen vor gelassen. Die Anonymität liefert dafür jedoch nur eine unter mehreren Erklärungen. Ebenso einflussreich ist auch ein medialer User-Selektionsprozess: Die politisch nur mäßig interessierte und engagierte breite ‚Mitte‘ der Gesellschaft ist in solchen Foren meist gar nicht zu finden, echte politische Profis auch nicht. Politjunkies, Extremisten und andere nicht gerade repräsentative Gruppen dafür um so häufiger.

Und kann man die Annahme über die höhere Wahrhaftigkeit von Forenbeiträgen nicht auch umdrehen und behaupten, dass die Anonymität und die Möglichkeit, eine unbegründete und unreflektierte Meinung auszudrücken eben gerade nicht dazu führt, die wahren Ansichten einer Person zu Tage zu fördern? Dass nämlich die wahren Ansichten erst im sozialen Kontext der Face2Face Kommunikation und unter Rücksichtnahme von Folgewirkungen von Kommunikation zum Vorschein kommen? In einer sozialen Situation werden öfter als in Internetforen Begründungen für Argumente verlangt und Elaborationen des Geäußerten. Erst im sozialen Kontext mit einer persönlichen Verantwortung für im weitesten Sinne sprachliches Handeln entsteht Wahrhaftigkeit.

Dieser Einwand gegen den ansonsten intelligenten und aufklärenden Artikel soll nicht infrage stellen, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ein Problem darstellen. Vielmehr möchte ich die für viele vielleicht provokante These vertreten, dass das Internet erst dann sein demokratisches Potenzial entfalten kann, wenn in Foren mit ernsthaftem Anspruch eine Realname-Pflicht eingeführt und durch rigide redaktionelle Moderation ein ziviler Umgang geschaffen wird.

Was nützt die Meinungsfreiheit, wenn man für einen brauchbaren Beitrag erst duzende Posts voller Beleidigungen und extremistischen Mülls lesen muss? In Anlehnung an den von Sarrazin losgetretenen Diskurs über nicht integrierbare Türken kann vielleicht die Frage gestellt werden, ob nicht zuerst die scheinbar auch nur schwer integrierbaren User politischer Foren aus der Anonymität in einen aufrichtigen Diskurs bewegt werden sollten, in der jeder Verantwortung für seine Äußerungen übernehmen und Meinungen mit Fakten untermauern muss. Foren, die bloß als Überdruckventil für politische Ressentiments und persönlichen Frust dienen, anstatt eine echte Meinungs- und Ideenaggregation zu ermöglichen, werden niemals das Demokratieversprechen des Internets einlösen können und repräsentieren auch nicht das, was das Volk wirklich denkt.

P.S. Thilo Sarrazins Stil und Aussagen erinnern ein wenig an den berüchtigten rechts-außen Agitator und Verschwörungstheoretisker Amerikas, Glenn Beck. Über diesen sagte Jon Stewart freilig schon vor Jahren: „Finally, a guy who says what people who aren’t thinking are thinking“.

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