Chomskys „Propagandamodell“ als Update zur These der „Meinungsmache“ der NachDenkSeiten

(Crossposted auf dem Oeffinger Freidenker)

Die NachDenkSeiten sind schon eine merkwürdige Institution: Angefangen beim abschreckenden Namen über das graue Layout ohne Bilder und schlecht lesbarer Schriftgröße bis zur fehlenden Kommentarfunktion: Eigentlich macht die politische Nachrichten- und Kommentarseite der Herausgeber Lieb, Berger und Müller alles falsch, was man im Internet des Jahres 2012 so falsch machen kann. Und doch sind die NachDenkSeiten für viele unverzichtbar, die sich in der nicht eben reichhaltigen deutschen politischen Bloggosphäre in Speziellen und in der öffentlichen Debatte insgesamt eine starke linke Stimme wünschen.

Weiterlesen

Advertisements

Wir brauchen ein besseres „Vetting“ von Politikern

Es wurde in den letzten Tagen viel über die Fehler von Christian Wulff gesprochen, und sicher auch zurecht. Es wurde ebensfalls, wenn auch seltener, darauf hingewiesen, dass es damals eine Fehlentscheidung von Angela Merkel war, Wulff überhaupt zu nominieren. Aber es scheint doch Konsens zu sein, dass Merkel im Grunde nicht ahnen konnte, dass Wulff einige unsaubere Vorkommnisse in seiner Biografie hat. So schreibt z.B. die FTD in ihrem Kommentar zur Gauck-Nominierung heute:

Überhaupt keine Frage: Angela Merkel konnte nicht wissen, dass sie mit Christian Wulff jemanden zum Bundespräsidenten machen würde, bei dem sich herausstellen sollte, dass er nicht über alle Zweifel erhaben ist.

Wirklich? Ist den in unserem politischen Betrieb die Praxis der rigorosen Suche nach Schwachstellen, problematischen Vorkomnissen in der Biografie, gar justiziablen Vorkommnissen nicht geläufig? Im englischen nennt man einen solchen Hintergrund-Check „Vetting“. Vetting wird bei wichtigen Ämtern durchgeführt, z.B. wenn der Präsident einen neuen Richter für den Supreme-Court vorschlägt (was schön in der Präsidentenserie The West Wing dargestellt wird).

Dies kann zwei wesentliche Ziele haben: Erstens, sicherzustellen, dass der Kandidat nicht durch Medienrecherchen noch während des Nominierungsprozesses oder, noch schlimmer, im Amt durch unschöne Skandale aus der Vergangenheit zu Fall gebracht werden kann. Denn ein solcher Skandal färbt natürlich immer auf diejenige Person oder Institution ab, die den Kandidaten erst vorgeschlagen hat.

Und zweitens kann, wenn Vorkommnisse bereits im Vorfeld bekannt, aber nicht zu gravierend sind, eine strategischer Umgang mit diesen Informationen erfolgen. Sie können zu einem frei gewählten Zeitpunkt selbst veröffentlicht und durch eine Vorwärtsverteidigung flankiert werden, wodurch sich der politische Schaden erheblich reduziert.

Nun also meine Verwunderung: Warum scheint es diesen Prozess bei uns nicht (in ausreichendem Maße) zu geben? Wie konnten die ganzen Geschichten von Wulff erst durch eine lange, böse Kampagne der BILD-Zeitung ans Tageslicht kommen? Es ist ein grobes Versäumnis, es ist anachronistisch und unprofessionell. Der Fall Wulff sollte in dieser Hinsicht eine Lehre für unsere politische Klasse sein.

Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung der Realität. Heute: Arbeitsmarkt

Warum haben eigentlich sowohl Linke als auch Rechte so große Schwierigkeiten damit, nüchtern und entlang von Fakten die Erfolge und Probleme des deutschen Arbeitsmarkts zu diskutieren? Jan Fleischauer betrachtet Berichte über Ungleichheit und Lohndumping als unbegründete Angstdebatte, dabei sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Jacob Jung auf der anderen Seite, stellvertretend für so viele Debatten in der linken Bloggosphäre, kann einfach die bloße Tatsache nicht anerkennen, dass sich die Arbeitslosigkeit seit 2005 tatsächlich beinahe halbiert hat. Ja, darunter sind schlecht bezahlte Jobs. Dennoch ist es zunächst eine positive Entwicklung und die Widergabe dieser Zahlen ist nicht automatisch „Meinungsmache“ (NDS).

Ist es wirklich so schwer, eine Debatte jenseits von „alles ist schrecklich“ und „alles prima“ zu führen? Scheinbar schon, denn dann müssten Konservative ja einsehen, dass all der schöne Profit auch durch Ausbeutung eines wachsenden Prekariats ermöglicht wird und dass es dringend Zeit wird für einen Mindestlohn und eine Regulierung der Leiharbeit. Linke hingegen müssten sich fragen, ob die Dekommodifizierung durch die Sozialsysteme während der 70er und 80er Jahre nicht doch ein Stück zu weit gegangen war und daher den Rot-Grünen Arbeitsmarktreformen bei allen Fehlern und Problemen nicht im Nachhinein auch positive Seiten abzugewinnen sind. Probieren könnte man es doch mal.

Philipp Röslers Wachstumsrhetorik enthüllt die Perspektivlosigkeit des kontemporären Liberalismus

Philipp Rösler muss sich gestern vor seiner Motivationsrede auf dem Dreikönigstreffen der FDP ziemlich schwer getan haben, mit einer neuen und überzeugenden Botschaft aufzuwarten. Das konnte man allein daran sehen, dass er einen geradezu gigantischen Stohmann errichten musste, um seiner Argumentation auch nur einen Hauch von Überzeugungskraft zu verleihen. Rösler stellte die freien Demokraten als einzige Partei dar, die sich für „Wachstum“ einsetze.

Weiterlesen

Warum Obama NDAA unterzeichnet hat

US-Präsident Obama sieht sich gerade (mal wieder) mit einem veritablen Shitstorm von links konfrontiert, nachdem er gestern das umstrittene Militärbudget des Kongresses unterzeichnet hat. Dieses enthält neben der Finanzierung des Militärs auch eine Klausel, die dem Präsidenten das Recht einräumt, „Terroristen“ unbefristet und ohne Prozess wegzusperren – und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um amerikanische Staatsbürger handelt oder nicht. Obama hat zwar in einem „signing statement“ seine Bedenken gegenüber diesem Teil des Gesetzes zum Ausdruck gebracht – es aber dennoch unterzeichnet.

Weiterlesen

Occupy Grünflächenabschnitt

Who knew:

Ja, es gibt sie noch, die Occupy-Bewegung. Ja, es zelten noch immer Menschen in deutschen Großstädten, um ihre Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen, vor allem mit der Macht der Finanzindustrie, zu demonstrieren. Aus der breiten Öffentlichkeit sind sie verschwunden, weil sie sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen.

Die deutsche Occupy-Bewegung lebt also noch. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Immerhin. Was aber schon abzusehen war, als die Welle aus New York und anderen amerikanischen Metropolen herüberschwappte: Bei uns wird diese Protestbewegung schnell auf das übliche Format linker Sektierergrüppchen abschelzen. Es fehlte einfach die politische Energie, die durch die schlechte Wirtschaftslage und hohe Arbeitslosigkeit in den USA freigesetzt wurde. Zudem ließen sich auch die Empörungsgründe jeweils nur tendenziell auf Deutschland übertragen. 1% vs. 99%? Verkettung zwischen Finanzsystem und Politik? Machtlosigkeit der Bevölkerung im demokratischen Prozess gegenüber der Lobbymafia? Dies alles findet man auch bei uns, aber längst nicht in dem fast endzeitlichen Ausmaße der Situation auf der anderen Seite des Atlantiks.

Die letzten paar Zelte der Bewegung in Frankfurt sind ein durchaus trauriger Anblick. Sie erinnern mich an die wöchentlichen Proteste gegen Hartz IV auf dem münsteraner Prinzipalmarkt während meiner Studienzeit. Erst wurden es immer weniger Demonstranten, bis zuletzt jahrelang jeden Monatg dort immer die selben drei Männer mit ihren Plakaten standen. Und jedesmal, wenn ich an ihnen vorbeigefahren bin, kam die Frage auf: Sind das eigentlich Spinner, oder war ich schon in jungen Jahren zynisch und abgeklärt geworden?

However, was die Ziele der Occupy-Bewegung angeht, bin ich verhalten optimistisch. Eine Transaktionssteuer in Kontinentaleuropa wird kommen, ein Mindestlohn in Deutschland wird kommen (2013), höhere Steuern für Reiche werden vielleicht kommen (ebenfalls 2013, je nach Wahlausgang). Die Rückeroberung der Macht des Politischen gegenüber den Finanzmärkten? Wer weiß, ob und wann dies je gelingen kann, der Wunsch zumindest besteht jedoch weit über die Zeltlager vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt hinaus.

Die oben sind nicht nett

Eine zugegebenermaßen ziemlich gut geschriebene Reportage von Viola Heeß und Henning Sußebach hat die Runden durch die sozialen Netzwerke gemacht und auch nicht unverdient. Die beiden Autoren sind als Obdachlose verkleidet in die reichsten Gemeinden Deutschlands, Kronberg und Königstein nahe Frankfurt a.M.gereist und haben überwiegend relativ unschöne Erfahrungen gemacht.

Großer Respekt ist angebracht vor solcher journalistischen Arbeit dort draußen im Leben. Und die Message ist auch noch nicht mal verkehrt, dass Reichtum sich in Deutschland eine Parallelwelt geschaffen hat, abgeschottet, unbeobachtet und nicht mehr gewöhnt daran, mit sozialen Problemen und gar Armut in Kontakt zu kommen. Gerade zu Weihnachten hat die ZEIT damit durchaus mal ein Ausrufezeichen gesetzt.

Aber irgend was stimmt einfach nicht mit dem Bericht, und ich glaube es ist die Behauptung, die sogar im Text auch infragegestellt wird, sich aber dennoch durchzieht, Misstrauen, Kaltherzigkeit, Unbarmherzigkeit gegenüber Obdachlosen, sozial schwachen, sei ein spezifisches Verhalten von (ganz) Reichen. Dies mag tendenziell irgendwie zutreffen, aber ist das wirklich das Problem, das wir hier insgesamt haben und das der Artikel, so mein feeling zumindest, auch adressieren will? Dass es ein großes Misstrauen zwischen Menschen gibt, dass wir keine Fremden in unsere Wohnung (hier speziell: Villa) lassen wollen? Das ist sicher irgendwie problematisch an sich, geht aber doch durch alle Schichten und Milieus, oder? Lebt nicht der kleine Präkerverdiener in einer viel direkteren Konkurrenzsituation zum ganz Armen und legt vielleicht gerade deshalb ein zwar anderes, aber nicht minder unschönes Verhalten gegenüber diesem an den Tag? Ist nicht undenkbar.

Das Problem ist also sicher irgendwie zwischenmenschlich-kulturell. Aber vor allem doch, und darum muss es ja letztendlich gehen, politisch-strukturell. Denn was soll man am Misstrauen, an der Kaltherzigkeit machen? „Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht“ hat Kästner gesagt. Die Gesellschaft ist nun mal ausdifferenziert, funktional, aber insbesondere auch stratifikatorisch, was ja die Luhmänner oft übersehen. Aber den Geist bekommt man nicht in die Flasche zurück durch gutes Zureden und moralische Apelle.

Größere Besitz- und Einkommensdifferenzen, ein Jahrelanger Class-Warefare von oben und zu wenige gute Sozial- und Arbeitsprojekte für das Proletariat bzw. dessen Nachkommen müssen also auf die Agenda. Es ist eine politische Frage. Lass die gelangweilten Hausfrauen halt weiter in Kronberg rumhängen und reiten gehen. Das können sie auch noch bei einem deutlich höheren Spitzensteuersatz für ihre Ehemänner, die tagsüber bei der Deutschen Bank virtuelles Geld in Computernetzwerken hin und her schieben. Da müsste ja das Pferd nicht mal verkauft werden. Am andere Ende der Gesellschaft, so viel lässt sich doch vermuten, wäre zumindest der Nutzen viel größer als in Kronberg der Schaden.

tl;dr: Die Reportage in der Zeit über die Reichen und deren Verhalten von Viola Heeß und Henning Sußebach ist toll, bestätigt aber nur ohnehin schon vorhandene Verutungen und geht ein bisschen am eigentlichen Problem vorbei.

Umweltmotive und die Inszenierung von Natürlichkeit in der Werbung

Ein Grund, das Blog ecospin (mittlerweile in AgendaRevue aufgegangen) anzufangen war, dass mich die Themen ökologische Kommunikation und Naturweltbilder im weiteren Sinne interessierten. Dieses Interesse wuchs, als ich für meine Magisterarbeit über Natur- und Umweltmotive in Werbungen recherchierte. Diese Arbeit ist nun, fast drei Jahre nach den ersten Überlegungen und Konzepten, fertig, abgegeben und benotet. Zeit, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie steht leicht überarbeitet als creative common zum Download bereit. Die Arbeit liefert meiner Meinung nach einen nicht uninteressanten Beitrag zur Greenwashind-Debatte, indem sie die Aufmerksamkeit von Umweltinformationen in Produktwerbungen auf die visuelle und symbolische Inszenierung von Natürlichkeit und Nachhaltigkeit lenkt. Ich freue mich über Anmerkungen und Rückfragen in den Kommentaren oder per Mail.
——————————————————————————————————————–

Umweltmotive und die Inszenierung von Natürlichkeit in der Werbung.
Eine empirische Untersuchung von Printanzeigen aus den Jahren 2007 und 2008.

Magisterarbeit von Jan Falk
Institut für Kommunikationswissenschaft
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
2011

Abstract

Thematik: Werbungen mit Umweltargumenten werden regelmäßig mit dem Vorwurf des Greenwashings konfrontiert. Oft seien die ökologischen Eigenschaften der Produkte irrelevant oder nebensächlich. Die vorliegende Arbeit argumentiert, dass eine solche Greenwashing-Kritik mit dem Kriterium der Aufrichtigkeit zwar wichtig, aber zugleich auch problematisch ist. So werden In durchschnittlichen Rezeptionssituationen von Anzeigen nur sehr wenige Informationen aufgenommen, Bildern und Symbolen kommt eine erhöhte Bedeutung zu. Zudem ist die Ebene der einzelnen Anzeigen, ihrer (ökonomischen) Effizienz und (ökologischer) Wahrhaftigkeit weniger interessant als die Frage nach einer latenten Beeinflussung des ökologischen Diskurses durch die gesamte grüne Werbewelt. Denn, so wird argumentiert, erst die wiederholte Assoziation von Produkten mit Umwelt und Natur kann Vorstellungen von den Beziehungen zwischen Warenkonsum und Umweltkrise beeinflussen.

Untersuchungsdesign: Die vorliegende Arbeit erarbeitet einen erweiterten Begriff „grüner Werbung“, der neben Werbungen mit Umweltaussagen auch solche Anzeigen berücksichtigt, die Naturbilder und –Symbole verwenden. Denn diese transportieren nicht nur vage Umweltassoziation oder eine Emotionalisierung, sondern darüber hinaus hochideologische Naturweltbilder, die das Potential haben, die materiellen utilitaristischen Beziehungen zwischen Produkten und Umwelt durch romantische oder erlebnisorientierte Naturvorstellungen zu überlagern. Um die rhetorischen Mittel und konstruierten grünen Appeals in kontemporären Werbungen zu erfassen, wurde mithilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse Printanzeigen aus den Publikumszeitschriften „Spiegel“ und „Brigitte“ aus den Jahren 2007 und 2008 untersucht. In diesem Zeitraum war aufgrund des aufkommenden Nachhaltigkeits-Trends vermehrt mit grünen Werbungen zu rechnen.

Ergebnisse: Insgesamt wurde fast jede dritte Produktwerbung im Untersuchungszeitraum als grüne Werbung identifiziert. Nur wenige Anzeigen mit Ausnahme der Automobilbranche bedienen sich dabei jedoch konkreter Aussagen zu Umwelteigenschaften. Stattdessen konnten eine hohe Anzahl Anzeigen mit Naturabbildungen nachgewiesen werden – in fast jeder vierten Produktwerbung fanden sich sepektakuläre oder idyllische Landschaften oder andere Naturdarstellungen, unabhängig davon, ob „grüne“ Produkte beworben wurden. Dabei wurden oft Naturerlebnisse konstruiert, indem Repräsentationen des Konsumenten in den Naturmotiven platziert werden. Viele Anzeigen, insbesondere solche für Lebensmittel, Pflege- und Pharmazieprodukte markierten die Waren darüber hinaus symbolisch als „natürlich“. Damit reagierte die Werbung auf die Trendthemen Nachhaltigkeit und Natur mit einem ihrer bewährtesten Motive: Dekontextualisierte und idealisierte Naturbilder finden sich ebenso wie Hinweise auf Natürlichkeit von Produkten schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig in der Werbung.

Implikationen: Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit legen eine kritische Beschäftigung mit Naturdarstellungen in der Werbung nahe. Denn es muss vermutet werden, dass die permanente Assoziation von Konsum und Produkten mit Vorstellungen von idealisierter und romantischer Natur insgesamt Aufklärungsversuchen über ökologische Konsequenzen von Konsum entgegenwirkt. Natursymbolik dient der Werbung als ideales Motiv, denn sie kann gleichzeitig Konnotationen von universeller Moral und Legitimität transportieren, ohne von Rezipienten kritisch hinterfragt zu werden. Letztendlich, so wird argumentiert, lautet die heimliche Botschaft grüner Werbungen, unsere Konsumgesellschaft werde nicht etwa angesichts der ökologischen Probleme zunehmend fragwürdig. Im Gegenteil: Es wird ihr eine Aura der Selbstverständlichkeit, ja „Natürlichkeit“ verliehen.

Hau den Fleischhauer

Der Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer („Der schwarze Kanal„) ist in den letzten Monaten zum publizistischen Lieblings-Punchingball der (linken) Bloggosphäre aufgestiegen. „Ein erwachsener Mann, der sich aufführt wie ein kleiner Junge“, heisst es beim Spiegelfechgter. Er übertreffe „um Längen die reflexhafte, verknöchert-dogmatische Besserwisserei, die er auf der linken Seite des politischen Spektrums kritisierte“, schreibt Daniel Daffke. m-DiS meint,  Fleischhauer gelänge es „immer wieder so peinlich einseitig zu argumentieren, dass man sich beinahe fremdschämt.“

Diese Kritk ist wohl kaum zu widerlegen, dürfte aber von der SPON-Redaktion und vielleicht sogar von Fleischhauer selber im Grunde gerne gesehen werde. Denn seine Funktion beim Spiegel ist es zuallererst, politischen Krawall zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen – genauso übrigens wie sein „linkes“ Gegenstück Jakob Augstein. Der Spiegel will nur eins: Klicks, Klicks, Klicks – und das gelingt bekanntermaßen ziemlich gut. So weit, so normal (und legitim).

Aber Fleischhauer erfüllt darüber hinaus durchaus mit seinen bewussten Provokationen eine Rolle in der deutschen politischen Internet-Öffentlichkeit, die ich nicht nur negativ sehen kann. Obwohl – oder gerade weil – er eigentlich nie recht hat und durch regressives Linken-Bashing motiviert ist, provoziert er eine Menge Debatten. Und Debatten sind nun mal der Rohstoff, von dem eine gute und interessante Bloggosphäre lebt. Da muss es schonmal rappeln im ideologischen Karton, da muss schonmal zugespitzt werden. Das schafft der Mann eigentlich ganz gut – was man nicht zuletzt an der Vielzahl kritischer Blogbeiträge sehen kann.

Nun ist es natürlich nicht per se wünschenswert, das Debattenniveau zu senken und eine virtuelle Schlammschlacht loszutreten. Aber eine etwas höhere Intensität, einen größeren Unterhaltungswert und auch eine Entwicklung hin zum „Mainstream“ würden unserer Bloggosphäre schon gut tun. Denn bislang begnügt sie sich ja damit, sich entweder als linke oder rechte, ideologisch motivierte „Gegenöffentlichkeit“ gegenüber den klassischen Medien zu gebärden (was ja auch völlig in Ordnung ist), oder es werden relativ enge Themen-Nischen und teils, wie bei den Verschwörungstheoretikern, Obskuritäten verhandelt. Mit dieser Strategie aber wird nie die in Deutschland immer noch vorherrschende Dichotomie zwischen professionellen, „echten“ Medien und marginalisierter/fragmentierter Bloggosphäre aufgebrochen werden können.

Was also gebraucht wird, sind interessante Debatten über ideologische Grenzen hinweg zu Themen, die in der politischen Debatte und im Alltag wichtig sind. Erstens, weil Debatten einen Wert an sich haben und eigene Positionen schärfen, und zweitens, weil die Bloggosphäre so attraktiver wird und aus ihrer Nische entkommen kann. Dabei kann so einer wie Fleischhauer schon nützlich sein – als Katalysator und als Punchingball.

Was bisher geschah: Die USA vor der Schulden-Grenze

Steffan Sasse hat ein extrem lesenswertes vorzeitiges Resümee der Ära Obama geschrieben, in dem er den Präsidenten als insgesamt enttäuschend darstellt. Ich stimme ihm weitgehend zu, würde allerdings die Präsidentschafft Obamas grundsätzlich als Erfolg werten, wenn man das Erreichte unabhängig von den übertiebenen Erwartungshaltungen und der wirtschaftlich und politisch-kulturell düsteren Lage der USA bewerten würde. Er hat viel erreicht, aber es kann den Niedergang der USA nicht ansatzweise aufhalten. Der Begriff „Tragödie“ ist da durchaus angebracht. Es lohnt sich, den Text ganz zu lesen.

Sasses Einschätzung der politischen Situation kurz vor dem Showdown zur Erhöhung der Schuldengrenze ist spot on. Eine Demonstration der zerstörerischen Kraft des politischem Rigorismus der Republikaner:

Joseph Stiglitz beschreibt die Lage richtig wenn er diagnostiziert, dass die Republikaner unverantwortlich genug sind, den Karren mit voller Kraft an die Wand zu fahren zu lassen und dass dies vermutlich nur dadurch verhindert wird, dass die Demokraten (wie üblich) Gemeinnutz über Eigennutz stellen und den politischen Schaden in Kauf nehmen um die Katastrophe zu verhindern.

Diese Situation ist eine Tragödie für das Land wie für Obama. Es ist genau die Situation, die seine oft zitierten und perverweise von der Tea-Party als geistige Urheber zitierten Vorväter befürchtet haben, als sie die Verfassung schrieben: dass nicht der Geist des Kompromisses und des Ringens um die beste Lösung die politische Bühne beherrschen würden, sondern dass Parteistreits um reine Macht- und Ideologiefragen ausgefochten würden. Obama kann dabei mit reinem Gewissen schlafen. Er war bereit, fast bis zur Selbstverleugnung seine eigenen Grundsätze wenn nicht vollständig, so doch zumindest teilweise über Bord zu werfen um eine Einigung zu erzielen und die großen Probleme anzugehen, anstatt einfach nur in den Tag hineinzuregieren. Es ist die republikanische, evangelikale Rechte, die mit ihrer kompromisslosen Radikalität genau jene Tugenden Amerikas verrät, die zu verteidigen sie vorgibt und damit die große amerikanische Tragödie unserer Tage überhaupt erst konstituiert.

(Bild: meh.ro)